Systemlandkarte erstellen: wie aus Vermutungen eine belegte Abhängigkeitskarte wird
Jede Organisation hat eine Systemlandkarte. Meistens hängt sie als Präsentationsfolie an der Wand, ist vier Jahre alt und zeigt Kästen mit Pfeilen dazwischen. Sie ist nicht falsch, sie ist nur nicht belegt — und in dem Moment, in dem jemand etwas ändern will, hilft sie nicht.
Eine belastbare Systemlandkarte unterscheidet belegte von vermuteten Abhängigkeiten und benennt explizit, was nicht erschlossen werden konnte. Sie speist sich aus vier Quellen: Quellcode (Aufrufe, Zugriffe, Konfiguration), Datenbank (Fremdschlüssel, Sichten, geplante Aufträge), Laufzeitdaten über mindestens einen Monatsabschluss und Tickets. Der sinnvolle Zuschnitt ist ein abgegrenztes Kernsystem mit direkten Nachbarn — in etwa zehn Arbeitstagen machbar.
Der Unterschied zwischen einer Folie und einer Karte
Eine Folie zeigt, wie die Systemlandschaft gedacht ist. Eine Karte zeigt, wie sie sich verhält. Der Unterschied wird sichtbar, sobald man je Verbindung die Frage stellt: Woher wissen wir das? Bei einer belegten Kante gibt es eine Antwort — ein Aufruf im Code, ein Eintrag in einer Konfiguration, ein Datenbankzugriff im Log. Bei einer vermuteten Kante gibt es die Erinnerung eines Kollegen.
Vier Quellen, die eine Karte speisen
Erstens der Quellcode: statische Aufrufe, Datenbankzugriffe, Konfigurationen mit Zieladressen. Zweitens die Datenbank: Fremdschlüssel, Sichten, gespeicherte Prozeduren, geplante Aufträge. Drittens die Laufzeit: Zugriffslogs, Netzwerkverbindungen, Schnittstellenprotokolle über einen repräsentativen Zeitraum — mindestens einen Monatsabschluss, weil dort Verbindungen auftauchen, die es sonst nie gibt. Viertens Tickets: Wer wurde bei welchem Ausfall benachrichtigt, sagt oft mehr über Abhängigkeiten als jedes Diagramm.
Warum belegt und vermutet getrennt werden müssen
Eine Karte, die beides gleich darstellt, ist gefährlicher als gar keine, weil sie Sicherheit vortäuscht. Die saubere Darstellung unterscheidet: durchgezogene Linien für belegte Abhängigkeiten, gestrichelte für vermutete, und eine explizite Liste der Bereiche, die nicht erschlossen werden konnten. Diese Liste ist regelmäßig der wertvollste Teil des Ergebnisses.
Was die Karte beantwortet — und was nicht
Sie beantwortet: Was fällt aus, wenn dieses System steht? Welche Komponenten kann ich nicht anfassen, ohne dass anderswo etwas kippt? Wo sind die Stellen mit den meisten eingehenden Abhängigkeiten? Sie beantwortet nicht, ob eine Abhängigkeit fachlich gerechtfertigt ist. Das ist die nächste Frage, und sie braucht Menschen.
Der praktische Zuschnitt
Eine Karte für die gesamte Landschaft ist ein Projekt ohne Ende. Eine Karte für ein abgegrenztes Kernsystem samt seiner direkten Nachbarn ist in zehn Arbeitstagen machbar und beantwortet die Fragen, die tatsächlich anstehen. Wer breiter anfängt, bekommt nach sechs Monaten eine Übersicht und keine Entscheidungsgrundlage.
Häufige Fragen
Warum mindestens ein Monatsabschluss an Laufzeitdaten?
Weil Monats-, Quartals- und Jahresläufe Verbindungen aufbauen, die im Tagesgeschäft nie auftreten. Genau diese Läufe sind erfahrungsgemäß die, die nach einer Umstellung ausfallen — und niemand hat sie auf dem Schirm, weil sie nur zwölfmal im Jahr laufen.
Reicht ein Architektur-Werkzeug für die Karte?
Werkzeuge liefern Rohdaten, keine Karte. Sie finden statische Aufrufe zuverlässig, tun sich mit dynamischen Aufrufen, Konfigurationen und Batch-Ketten aber schwer. Die Bewertung, welche Fundstelle eine echte Abhängigkeit ist, bleibt Arbeit mit Sachverstand.
Wie hält man die Karte aktuell?
Indem sie nicht als Dokument gepflegt wird, sondern aus den Quellen erzeugt wird, aus denen sie stammt. Was sich automatisch ableiten lässt, sollte automatisch abgeleitet werden; nur die Bewertungen und offenen Punkte werden gepflegt. Alles andere veraltet innerhalb eines Jahres.
Braucht man dafür Zugriff auf Produktivsysteme?
Nein. Quellcode, Schemata, Konfigurationen und exportierte Logs reichen für die Analyse. Ein Produktivzugriff ist weder nötig noch wünschenswert — er erhöht nur den Abstimmungsaufwand mit Sicherheit und Datenschutz.
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